Eine Chance für den textilen Boden

Von Hans Joachim Schilgen, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Heimtextilien Industrie, e.V., Wuppertal
Erschienen in BTH heimtex, Ausgabe 05/2008
Wer unsere Rubrik in BTH heimtex regelmäßig liest weiß, dass wir an dieser Stelle nicht „nur“ über aktuelle Entwicklungen berichten, sondern gelegentlich auch grundsätzliche Überlegungen zu relevanten Branchenthemen anstellen. Dabei blicken wir gerne auch einmal über den sprichwörtlichen „Tellerrand“ hinaus, wagen Gedankenspiele und Szenarien. Dies durchaus mit der Absicht, Anstöße und Impulse zu neuen Denkansätzen zu liefern oder einfach nur die Initialzündung dafür zu geben, festgefahrene Gedanken-Pfade zu verlassen und nach neuen Ideen-Wegen im „Dschungel“ des Alltagsgeschäfts zu suchen.
Das ist auch unsere Intention beim Thema dieser Ausgabe, die ich nutzen möchte, um Ihr Interesse einmal mehr auf den textilen Bodenbelag zu lenken. In Zeiten, in denen branchenübergreifend alle Marktpartner darüber nachdenken (müssen), wie konventionelle Vertriebskanäle optimiert und mögliche neue erschlossen werden können, müssen wir unseren Blick nicht zwangsläufig in die Ferne richten. Getreu nach Goethe, der einst bemerkte „Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah“, sind es auch in der Bodenbelagsbranche oftmals die nahe liegenden Dinge, die näher zu betrachten sich lohnen würde.
Auf der diesjährigen Domotex war die Entwicklung zu einem weiteren Upgrading des Produkts Teppichboden weithin sichtbar. Eine Tendenz, die uns als Verband selbstverständlich sehr freut. Eine Frage stellt sich mir allerdings nach zahlreichen Gesprächen mit Herstellern, Handel und Verlegern immer wieder: Weshalb fristet gerade vor dem Hintergrund eines Upgrading von textilen Bodenbelägen das Thema Teppichfliesen in Deutschland seit jeher ein Schattendasein? Wenn hierzulande überhaupt Teppichfliesen verlegt werden, dann lautet die Formel Fliese = Objekt. Der Wohnbereich hingegen scheint für Fliesen erklärte „Terra incognita“ zu sein.
Auf die Frage, weshalb das denn so sei, ist immer wieder die Rede von den vielen Nachteilen der textilen Fliese, die sich im näheren Gespräch dann jedoch recht schnell auf ein einziges Argument reduzieren: die oftmals sichtbaren Nähte bei der Verlegung einer Fläche mit Teppichfliesen. Und das führt dazu, dass die zahlreichen Vorzüge des Produktes nicht einmal erwähnt werden? Ganz abgesehen davon, dass – je nach Produkt – nicht zwangsläufig Nähte (und damit das sogenannte Schachbrettmuster) zu sehen sein müssen, da es ja auch Produkte gibt, die mögliche Nahtstellen durch ihre Konstruktion unkenntlich machen.
Um an dieser Stelle Missverständnissen vorzugreifen: Mir geht es in meinen Ausführungen keineswegs um eine Darstellung Fliese versus Bahnenware. Vielmehr möchte ich aufzeigen, dass die Branche es leider offenbar versäumt, die unbestrittenen Vorzüge textiler Böden, die durch Fliesen verstärkt werden, zur Schaffung zusätzlicher Absatzmärkte zu nutzen. Stattdessen werden lieber Marktanteile an Hartbeläge abgegeben. Wir wissen, dass die sogenannten Verbraucher an alternativen Produkten wie beispielsweise Laminat vor allem das unkomplizierte Handling und die einfache Verlegung überzeugend finden. In der Tat: die Vorstellung, eine 4 Meter breite Teppichrolle in den 7. Stock eines Mehrfamilienhauses zu befördern, ist wenig erbaulich. Sofern der Käufer es überhaupt geschafft hat, seinen neuen Teppichboden bis nach Hause zu transportieren, beginnt das Problem vermutlich im Treppenhaus, zumal auch ein Aufzug bei Teppichrollen nur wenig hilfreich ist. Wie bequem ist es da im Vergleich, abgepackte Fliesen - in zumeist kleinen Verpackungseinheiten - zu transportieren. Ich glaube in diesem Fall nicht, dass es ausreichend ist, den Endverbraucher auf eine fachgerechte Anlieferung und Verlegung durch den Fachhandel oder Raumausstatter zu verweisen.
Für diesen Kunden ist die Teppichrolle nicht wirklich das passende Produkt. Wenn er aber nicht auf die angenehmen Vorzüge eines textilen Bodenbelags verzichten möchte, wäre die Teppichfliese der ideale Bodenbelag für ihn – nur leider sind diese Fliesen für den Endverwender im Handel kaum wahrnehmbar. Womit er quasi automatisch auf einen alternativen Belag ausweichen muss. Und genau in dieser Tatsache sehe ich eine große Crux für die Teppichboden-Industrie. Anstatt über mehr oder weniger sichtbare Nähte nachzudenken, wäre es fraglos sinnvoller, über intelligente Einsatzbereiche für Fliesen im privaten Wohnbereich nachzudenken, wohlbemerkt als Ergänzung zu Teppichboden-Bahnenware. Denn es geht hier nicht um „Entweder-oder-Modelle“, sondern um „Sowohl-als-auch-Ansätze“. Wäre es nicht eine Marketingaufgabe, einmal darüber nachzudenken, ob Teppichfliesen nicht geradezu ideal geeignet sind, Konsumenten vom Hartbelag wieder zum textilen Bodenbelag und seinen spezifischen Vorzügen zu bringen? Die Fliese gewissermaßen als Kostprobe oder Vorspeise für textile Böden.
Die Liste der Pluspunkte von Teppichfliesen ließe sich übrigens noch fortsetzen. Ein großes Argument pro Fliese dürfte fraglos ihre leichte Austauschbarkeit sein, die im Wohnbereich mindestens ebenso relevant ist wie im Objekteinsatz. Wer kleine Kinder hat, weiß die unkomplizierte Austauschbarkeit bei Beschädigung oder Verschmutzung von Teilen des Bodenbelags zu schätzen.
Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir in der Diskussion um Fliesen und in der Negierung des Produktes für den Privatbereich nicht am Verbraucher vorbei entscheiden, ohne ihn überhaupt befragt zu haben. Weiß der Konsument eigentlich, wie moderne Teppichfliesen heute aussehen (können) oder herrscht da nicht eher die nahezu nostalgische Vorstellung von Fliesen aus den 70er Jahren vor, die zugegebenermaßen nicht gerade Kaufimpulse wecken dürften? Was wissen Hersteller und Handel darüber, was exakt der Verbraucher von seinem Bodenbelag erwartet. Und wer ist „der Verbraucher“? Eine Familie mit Kleinkindern, Hund und Katze im neuen Eigenheim hat logischerweise andere Bedürfnisse an einen Bodenbelag als ein Single im Penthouse oder die kaufkraftstarken neuen Senioren der sogenannten Silver Generation.
Zurück zur Teppichfliese. Was spricht dagegen, die positiven Eigenschaften des textilen Bodenbelags mit den Vorzügen von Teppichfliesen zu verbinden? Fliesen eröffnen kreative Spielräume, ihr Modulcharakter animiert zum Experimentieren auf dem Boden. Fliesen sind kein Billigprodukt und können somit auch zur Imageförderung textiler Bodenbeläge allgemein beitragen. Sie sind die textile Alternative zur Rollenware dort, wo ihre spezifischen Vorzüge gefragt sind – im Wohnbereich.
Das „Gute“, um nochmals mit Goethe zu sprechen, liegt also auch für die Teppichbranche nah, das „Bodenbelags-Rad“ muss nicht neu erfunden werden. Anstatt darüber zu klagen, dass immer wieder Marktanteile an die unterschiedlichsten Hartbeläge verloren gehen, sollte die Branche ihre Gedankenkäfige verlassen, die Teppichfliese aus ihrem reinen Objekt-Dasein befreien und dem Konsumenten damit ein weiteres schönes, hochwertiges und ausgesprochen variables Textilprodukt anbieten.
Übersicht
Erschienen in BTH heimtex, Ausgabe 05/2008
Wer unsere Rubrik in BTH heimtex regelmäßig liest weiß, dass wir an dieser Stelle nicht „nur“ über aktuelle Entwicklungen berichten, sondern gelegentlich auch grundsätzliche Überlegungen zu relevanten Branchenthemen anstellen. Dabei blicken wir gerne auch einmal über den sprichwörtlichen „Tellerrand“ hinaus, wagen Gedankenspiele und Szenarien. Dies durchaus mit der Absicht, Anstöße und Impulse zu neuen Denkansätzen zu liefern oder einfach nur die Initialzündung dafür zu geben, festgefahrene Gedanken-Pfade zu verlassen und nach neuen Ideen-Wegen im „Dschungel“ des Alltagsgeschäfts zu suchen.
Das ist auch unsere Intention beim Thema dieser Ausgabe, die ich nutzen möchte, um Ihr Interesse einmal mehr auf den textilen Bodenbelag zu lenken. In Zeiten, in denen branchenübergreifend alle Marktpartner darüber nachdenken (müssen), wie konventionelle Vertriebskanäle optimiert und mögliche neue erschlossen werden können, müssen wir unseren Blick nicht zwangsläufig in die Ferne richten. Getreu nach Goethe, der einst bemerkte „Warum in die Ferne schweifen, sieh das Gute liegt so nah“, sind es auch in der Bodenbelagsbranche oftmals die nahe liegenden Dinge, die näher zu betrachten sich lohnen würde.
Auf der diesjährigen Domotex war die Entwicklung zu einem weiteren Upgrading des Produkts Teppichboden weithin sichtbar. Eine Tendenz, die uns als Verband selbstverständlich sehr freut. Eine Frage stellt sich mir allerdings nach zahlreichen Gesprächen mit Herstellern, Handel und Verlegern immer wieder: Weshalb fristet gerade vor dem Hintergrund eines Upgrading von textilen Bodenbelägen das Thema Teppichfliesen in Deutschland seit jeher ein Schattendasein? Wenn hierzulande überhaupt Teppichfliesen verlegt werden, dann lautet die Formel Fliese = Objekt. Der Wohnbereich hingegen scheint für Fliesen erklärte „Terra incognita“ zu sein.
Auf die Frage, weshalb das denn so sei, ist immer wieder die Rede von den vielen Nachteilen der textilen Fliese, die sich im näheren Gespräch dann jedoch recht schnell auf ein einziges Argument reduzieren: die oftmals sichtbaren Nähte bei der Verlegung einer Fläche mit Teppichfliesen. Und das führt dazu, dass die zahlreichen Vorzüge des Produktes nicht einmal erwähnt werden? Ganz abgesehen davon, dass – je nach Produkt – nicht zwangsläufig Nähte (und damit das sogenannte Schachbrettmuster) zu sehen sein müssen, da es ja auch Produkte gibt, die mögliche Nahtstellen durch ihre Konstruktion unkenntlich machen.
Um an dieser Stelle Missverständnissen vorzugreifen: Mir geht es in meinen Ausführungen keineswegs um eine Darstellung Fliese versus Bahnenware. Vielmehr möchte ich aufzeigen, dass die Branche es leider offenbar versäumt, die unbestrittenen Vorzüge textiler Böden, die durch Fliesen verstärkt werden, zur Schaffung zusätzlicher Absatzmärkte zu nutzen. Stattdessen werden lieber Marktanteile an Hartbeläge abgegeben. Wir wissen, dass die sogenannten Verbraucher an alternativen Produkten wie beispielsweise Laminat vor allem das unkomplizierte Handling und die einfache Verlegung überzeugend finden. In der Tat: die Vorstellung, eine 4 Meter breite Teppichrolle in den 7. Stock eines Mehrfamilienhauses zu befördern, ist wenig erbaulich. Sofern der Käufer es überhaupt geschafft hat, seinen neuen Teppichboden bis nach Hause zu transportieren, beginnt das Problem vermutlich im Treppenhaus, zumal auch ein Aufzug bei Teppichrollen nur wenig hilfreich ist. Wie bequem ist es da im Vergleich, abgepackte Fliesen - in zumeist kleinen Verpackungseinheiten - zu transportieren. Ich glaube in diesem Fall nicht, dass es ausreichend ist, den Endverbraucher auf eine fachgerechte Anlieferung und Verlegung durch den Fachhandel oder Raumausstatter zu verweisen.
Für diesen Kunden ist die Teppichrolle nicht wirklich das passende Produkt. Wenn er aber nicht auf die angenehmen Vorzüge eines textilen Bodenbelags verzichten möchte, wäre die Teppichfliese der ideale Bodenbelag für ihn – nur leider sind diese Fliesen für den Endverwender im Handel kaum wahrnehmbar. Womit er quasi automatisch auf einen alternativen Belag ausweichen muss. Und genau in dieser Tatsache sehe ich eine große Crux für die Teppichboden-Industrie. Anstatt über mehr oder weniger sichtbare Nähte nachzudenken, wäre es fraglos sinnvoller, über intelligente Einsatzbereiche für Fliesen im privaten Wohnbereich nachzudenken, wohlbemerkt als Ergänzung zu Teppichboden-Bahnenware. Denn es geht hier nicht um „Entweder-oder-Modelle“, sondern um „Sowohl-als-auch-Ansätze“. Wäre es nicht eine Marketingaufgabe, einmal darüber nachzudenken, ob Teppichfliesen nicht geradezu ideal geeignet sind, Konsumenten vom Hartbelag wieder zum textilen Bodenbelag und seinen spezifischen Vorzügen zu bringen? Die Fliese gewissermaßen als Kostprobe oder Vorspeise für textile Böden.
Die Liste der Pluspunkte von Teppichfliesen ließe sich übrigens noch fortsetzen. Ein großes Argument pro Fliese dürfte fraglos ihre leichte Austauschbarkeit sein, die im Wohnbereich mindestens ebenso relevant ist wie im Objekteinsatz. Wer kleine Kinder hat, weiß die unkomplizierte Austauschbarkeit bei Beschädigung oder Verschmutzung von Teilen des Bodenbelags zu schätzen.
Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir in der Diskussion um Fliesen und in der Negierung des Produktes für den Privatbereich nicht am Verbraucher vorbei entscheiden, ohne ihn überhaupt befragt zu haben. Weiß der Konsument eigentlich, wie moderne Teppichfliesen heute aussehen (können) oder herrscht da nicht eher die nahezu nostalgische Vorstellung von Fliesen aus den 70er Jahren vor, die zugegebenermaßen nicht gerade Kaufimpulse wecken dürften? Was wissen Hersteller und Handel darüber, was exakt der Verbraucher von seinem Bodenbelag erwartet. Und wer ist „der Verbraucher“? Eine Familie mit Kleinkindern, Hund und Katze im neuen Eigenheim hat logischerweise andere Bedürfnisse an einen Bodenbelag als ein Single im Penthouse oder die kaufkraftstarken neuen Senioren der sogenannten Silver Generation.
Zurück zur Teppichfliese. Was spricht dagegen, die positiven Eigenschaften des textilen Bodenbelags mit den Vorzügen von Teppichfliesen zu verbinden? Fliesen eröffnen kreative Spielräume, ihr Modulcharakter animiert zum Experimentieren auf dem Boden. Fliesen sind kein Billigprodukt und können somit auch zur Imageförderung textiler Bodenbeläge allgemein beitragen. Sie sind die textile Alternative zur Rollenware dort, wo ihre spezifischen Vorzüge gefragt sind – im Wohnbereich.
Das „Gute“, um nochmals mit Goethe zu sprechen, liegt also auch für die Teppichbranche nah, das „Bodenbelags-Rad“ muss nicht neu erfunden werden. Anstatt darüber zu klagen, dass immer wieder Marktanteile an die unterschiedlichsten Hartbeläge verloren gehen, sollte die Branche ihre Gedankenkäfige verlassen, die Teppichfliese aus ihrem reinen Objekt-Dasein befreien und dem Konsumenten damit ein weiteres schönes, hochwertiges und ausgesprochen variables Textilprodukt anbieten.

