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Lebst Du nur – oder wohnst Du schon? Der neue Trend heißt Wohn-TV

Von Hans Joachim Schilgen, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie e.V. 

Erschienen in BTH heimtex, Ausgabe 4-5/2004



In Sachen Werbung hat der schwedische Möbel-Multi Ikea mit flotten und einprägsamen Sprüchen immer schon eindrucksvoll von sich Reden gemacht. Der aktuelle Werbeslogan „Wohnst Du noch – oder lebst Du schon“ erweckt indes den Anschein, als hätten sich die Kreativen in ihrem Einfallsreichtum selbst ein wenig überstrapaziert. Irgendwie, so scheint es, wird hier die Bedeutung von Wohnen als wichtige Lebens-Disziplin ad absurdum geführt.

Dass sich Wohnen mit allem, was dazu gehört, längst zu einem zentralen Thema entwickelt hat, ist nicht neu. Die These des „Cocooning“, mit der die amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn vor über 15 Jahren populär wurde, ist nach wie vor aktuell und erlebt derzeit so etwas wie eine Renaissance. Unbestritten ist die Tatsache, dass sich der Mensch in Zeiten wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit ebenso wie in Zeiten beruflicher Überbeanspruchung nach einem privaten Refugium sehnt, in das er sich zurückziehen kann, um Kraft zu tanken für das Leben „draußen“.

Eine Entwicklung, die die großen Zeitschriftenverlage hierzulande mit ihrem gleichermaßen journalistischen wie wirtschaftlichem Engagement auf dem Sektor der Publikumspresse seit Jahren nachhaltig bestätigen. Ein Blick in die Auslagen an den Kiosken zeigt, dass es mittlerweile mehr Titel rund um das Thema Wohnen in all seinen Facetten gibt als zu vermeintlichen „Konkurrenzthemen“ wie Autos, PCs, Essen und Trinken oder Reisen. Auch bei den sogenannten Frauenzeitschriften ist das Thema Wohnen längst zu einer festen Rubrik mit Einrichtungs-Tipps à la „Brigitte“, „Petra“ oder „Freundin“ geworden . Erfreulich ist dabei aus unserer Sicht vor allem die Tatsache, dass die Printmedien offenkundig den Spaß am textilen Einrichten wiederentdeckt haben und ihren Lesern das Wohnen mit Gardinen, Dekorationsstoffen und textilen Bodenbelägen wieder schmackhaft machen.

Auch der Buchmarkt in der Kategorie Wohnen, Einrichten, Lifestyle boomt seit Jahren. Aufwendig gestylte Bildbände befördern die unterschiedlichsten Wohnstile, Lebenswelten und Deko-Ideen aus aller Herren Länder in heimische Wohnzimmer; allein zum Stichwort „Landhausstil“ liefert der Internet-Buchandel Amazon knapp 50 Buchtitel.

A propos Internet: Wir leben unbestritten im „Dotcom-Zeitalter“. Die überwiegende Mehrheit deutscher Haushalte verfügt inzwischen über mindestens einen Internetzugang und wer sich partout nicht für Zeitschriften, Magazine oder Bücher erwärmen kann, dem steht das World Wide Web mit seinen scheinbar unbegrenzten Informationsmöglichkeiten zur Verfügung. Zwischenzeitlich gibt es auch im Bereich Wohnen und Einrichten gut gemachte Online-Magazine, die Informationen für User verständlich und übersichtlich aufbereiten, etwa www.textile-wohnwelt.de.

Und nun ist der Deutschen Lieblingsmedium, das Fernsehen, ebenfalls auf den „Wohn-Geschmack“ gekommen. Nachdem ganze Branchen seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, sehnsüchtig davon geträumt haben, Einrichten und Wohnen einmal im TV-Fokus zu sehen, haben nunmehr gleich fünf Sender sogenannte Wohn-Soaps bzw. Wohnmagazine in ihr Programm aufgenommen. Wenn wir bedenken, dass der Erfolg von Sendeformaten ausschließlich an Einschaltquoten gemessen wird, liegt der Schluss nahe, dass die neu entdeckte Wohn-Hype im deutschen TV eine treue Fan-Gemeinde haben muss.

In Pro 7, RTL, Vox oder auch im Bayerischen Rundfunk werden den Zuschauern Formate präsentiert, die bereits – leicht abgewandelt – erfolgreich in anderen Ländern gelaufen sind. Einzig das ZDF hat mit seiner Samstags-Nachmittags-Sendung „Ricks Wohnwelten“, die seit April wöchentlich ausgestrahlt wird, ein eigenes Sendekonzept entwickelt, das die Eigenheiten und Gegebenheiten des deutschen Marktes berücksichtigt. Ideengeber und Präsentator der Sendung ist der Deutsch-Amerikaner Rick Mulligan, der viele Jahre in Köln ein eigenes Einrichtungshaus hatte und aus dieser Zeit nicht nur Produkt- und Marktkenntnisse einbringen kann, sondern vor allem ein Feeling dafür, was der deutsche Kunde für seine heimischen vier Wände mag. „Ich hole die Leute heute mit meiner Sendung von ihrem Sofa ab und begleite sie bis zur Ladentür des Fachhandels“, so umschreibt Mulligan selbst seine Aufgabe als Frontman von „Ricks Wohnwelten“.

Im Gegensatz zu vielen Wohn-Soaps bei den Privatsendern, hat die ZDF-Sendung eine wichtige Botschaft, die auf die simple Formel „Qualität hat ihren Preis“ zu bringen ist. Dafür setzt sich auch Mulligan vehement ein und macht keinen Hehl daraus, dass Wohnkultur nicht mit der allseits proklamierten „Geiz-ist-geil-Mentalität“ vereinbar ist. Was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass Wohnen zwangsläufig teuer sein muss. Allerdings, so argumentiert Mulligan, „ müssen die Konsumenten lernen, dass einem eine gute Einrichtung und Dekoration etwas wert sein sollte und dass man sein Haushaltsbudget entsprechend gestalten kann.“

Der Mann hat Recht. Für andere Objekte der Begierde funktioniert das ja auch. Doch solange auf Handels- und Herstellerseite – selbst wenn es hier immer nur die wenigen „schwarzen Schafe“ sind – mit nicht nachvollziehbarer Preisgestaltung und Kalkulation beim Kunden der Eindruck erzielt wird, ein Teppichboden, eine Gardine oder eine Schlafdecke könne jederzeit zu Dumpingpreisen erstanden werden, solange wird den Kunden auch suggeriert, dass Produkte aus der Kategorie „Heimtextilien“ per se Billigprodukte sind. Das ist fatal. Und dagegen setzen Qualitätshersteller aus dem Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie seit vielen Jahren mit klaren Marketingkonzepten und –Strategien. Gleichwohl stagniert der Umsatz auch in diesem Jahr weiterhin, der Konsum will nicht wirklich in Schwung kommen. Viele Kaufvorhaben werden zweifellos aufgeschoben, weil die Kunden hoffen, das Produkt irgendwann, irgendwo noch günstiger zu erstehen – die Mutter aller Schnäppchen lässt grüßen.

Umso wichtiger ist es, wenn das Medium Fernsehen, über das nach wie vor die meisten Menschen erreicht werden, Wohnen und Einrichten zum Thema macht. Es kann für unsere Branche nur von Nutzen sein, dass via TV Einrichtungs- und Gestaltungstipps gegeben werden und den Zuschauern damit zugleich Mut gemacht wird, Dinge daheim zu verändern. Denn mit diesen Beispielen wird eindrucksvoll und visuell nachvollziehbar unter Beweis gestellt, wie vielseitig Wohnen ist und wie stark ein schön gestaltetes Zuhause auf das Wohlbefinden Einfluss nimmt, ganz nach dem Motto „My home is my castle“.
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