Ohne Textilforschung geht nichts

Von Gerhard Sperling, Textilingenieur (FH), Leiter Referat Technik und Umwelt im Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie
Erschienen in BTH heimtex, Ausgabe 6/2007
Der Bereich Forschung und Entwicklung ist in jedem Industrieunternehmen gewissermaßen die „Hauptschlagader“. Denn nur durch die – in der Regel sehr zeit- und kostenaufwendige – Entwicklungsarbeit können Hersteller innovative Produkte hervorbringen, zur Marktreife führen und sich damit den (über-)lebensnotwendigen Wettbewerbsvorsprung gegenüber Anbietern von Standardprodukten sichern. Der Grundstein auch zur Standortsicherung.
Das ist bei und in Branchen, deren Produkte stark im Fokus der Verbraucher stehen, hinlänglich bekannt. Bestes Beispiel dafür ist die Automobilindustrie, deren Markenimage und Marktpräsenz zu einem erheblichen Teil aus den extrem kurzen Innovationszyklen ihrer Produkte resultieren. Die Hersteller werben massiv mit ihren Innovationen, was zur Folge hat, dass der Verbraucher zumindest oberflächliche Kenntnis über die neuesten Sicherheits- und Umweltstandards der Modelle, über Motorleistungen und alternative Antriebssysteme oder Zusatzleistungen wie Navigationssysteme hat.
Die Textilindustrie hingegen betreibt ihre Forschungsarbeit von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt eher im Stillen. Und das, obwohl sich allein in Deutschland 17 wissenschaftliche Institute mit textiler Forschung beschäftigen, die mit kompetenten Wissenschaftlern besetzt sind und wichtige Impulse für die deutsche Textilindustrie und deren Standortsicherung liefern. Textilien sind heute längst hoch entwickelte Hightech-Produkte, deren Einsatzbereiche nahezu unbegrenzt sind und von den klassischen, bekannten Bereichen wie Bekleidung und Heimtextilien über den Einsatz in der Medizin und Medizintechnik, im Landschaftsschutz oder in Verkehrsmitteln vom Auto über die Bahn bis hin zu Flugzeugen und Schiffen reichen.
Forschung und Entwicklung sind für Unternehmen extrem kostenintensiv. Für eine zumeist mittelständisch geprägte Industrie wie die deutsche Textilindustrie ist es daher für einzelne Unternehmen in der Regel nicht darstellbar, diesen Bereich vollständig auf eigene Kosten zu übernehmen. Und genau hier setzt die Arbeit von Verbänden an. So haben sich der Gesamtverband der Textil- und Modeindustrie in der Bundesrepublik Deutschland - Gesamttextil - sowie dessen Fach- und Landesverbände zur Vertretung aller mit Forschung und Entwicklung verbundenen Interessen als ordentliche Mitglieder im Forschungskuratorium Textil e.V. (FKT) zusammengeschlossen. Gemeinsam mit weiteren Partnerorganisationen erfolgt im Forschungskuratorium die Förderung und die Koordinierung von Gemeinschaftsforschungsprojekten der Textilindustrie sowie vor- und nachgeschalteter Industriebereiche.
Das Forschungskuratorium Textil e.V. ist eine von über 100 industriellen Forschungsvereinigungen, die als Mitglieder in der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) zusammengeschlossen sind. Die industriegetragenen Forschungsvereinigungen der AiF können öffentliche Fördermittel zur Durchführung von Gemeinschaftsprojekten an Forschungseinrichtungen beantragen. Auch der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie ist Mitglied beim FKT. Die einzelnen Projekte werden von Textilforschungsinstituten bzw. aus den Industrieunternehmen über die Mitgliedschaft in den Fachverbänden vorgeschlagen. Die Vorschläge durchlaufen dann die wissenschaftlichen Beiräte der einzelnen Institute sowie weitere Expertengremien, die die Förderung bewilligen müssen.
Um an dieser Stelle einen konkreten Einblick zu vermitteln, was auf Verbandsebene eingebracht und zur Förderung vorgeschlagen wird, sollen beispielhaft einige aktuelle Projekte aus der Heimtextilien-Industrie genannt werden, die aus Initiativen des Heimtextilienverbandes und dessen Mitglieder hervorgegangen sind.
Beispiel Möbelstoffe
Ein grundlegendes Problem, mit dem sich Hersteller von Möbelstoffen künftig verstärkt auseinandersetzen müssen, ist die wirksame Ausrüstung zum Schutz heller Möbelbezugsstoffe insbesondere vor Verfärbung durch Faserabrieb von Bekleidungstextilien. Dies vor dem Hintergrund eines durch das Oberlandesgericht Köln ergangenen Urteils, in dem ein Möbelhändler zur Rücknahme einer hellen Polstergarnitur gezwungen wurde, die trotz Fleckschutzausrüstung durch Bekleidungstextilien angeschmutzt wurde. Begründet wurde das Urteil damit, dass der Möbelhändler den Kunden darauf hätte hinweisen müssen, dass die existierenden Fleckschutzausrüstungen gegen gefärbten Faserabrieb von Bekleidungstextilien nicht wirksam sind.
In dem auf Initiative des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie beantragten Forschungsvorhaben sollen textile Möbelbezugsstoffe mit einer Beschichtung auf Nanosolbasis und deutlich verbesserter Entfernbarkeit von mechanisch bedingten Verfärbungen durch Bekleidungstextilien ausgerüstet werden. Die Entwicklung einer solchen Ausrüstung oder Beschichtung wäre eine wesentliche Neuerung sowohl für den Heimtextil- als auch für den Automobilbereich, in dem ebenfalls Möbelbezugsstoffe zum Einsatz kommen. Durch entsprechende innovative Produkte oder Verfahren wäre die deutsche Heimtextilienindustrie in der Lage, neue Produkte anzubieten, die dem Verwender einen hohen Nutzwert bei gleich bleibend hochwertiger Optik bieten. Das wiederum sichert Arbeitsplätze am Standort Deutschland und sorgt für nachhaltige Entwicklungsarbeit.
Beispiel Bettwaren
Hier hat der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie einen Vorschlag zur „Erforschung der physiologischen Grundlagen des Schlafkomforts von Kinderbettwaren und der Konstruktionsparameter zu dessen Optimierung“ eingereicht. Bei diesem Vorhaben geht es darum, dass Schlafkomfort heute das zentrale Verkaufsargument für Bettwaren ist. Im Bereich Kinderbettwaren fehlen allerdings verlässliche wissenschaftliche Grundlagen zum kindlichen Empfinden über Schlafkomfort, ohne die jedoch eine rationelle Produktentwicklung nicht möglich ist. Die Besonderheit in diesem Fall ist die Tatsache, dass Erkenntnisse aus dem Bereich Bettwaren für Erwachsene nicht auf die Anwendung bei Kindern oder Kleinkindern übertragen werden können, da die physiologischen Gegebenheiten grundlegend unterschiedlich sind.
Ziel des Forschungsprojektes ist es daher, die fehlenden Grundlagen zu erarbeiten und auf deren Basis konkrete Konstruktionsleitlinien abzuleiten, wie Kinderbettwaren physiologisch optimiert werden können. Dabei sollen die Konstruktionsleitlinien so formuliert sein, dass sie vom Hersteller direkt in innovative Produkte umgesetzt werden können und ihm damit eine eigene Positionierung am Markt ermöglichen. Mit Hilfe dieses vorgeschlagenen Forschungsprojekts können die überwiegend kleinen und mittleren Unternehmen der deutschen Bettwarenindustrie ihre Kinderbettwaren zum einen sehr viel schneller und kosteneffizienter entwickeln. Zum anderen erhalten sie über die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse Informationen zur Produktionsoptimierung, die sie in die Lage versetzen, sich gegenüber billigerer und qualitativ schlechterer Importware im Markt deutlich abzusetzen.
Beispiel Heimtextilien
Um Textilien gegen den Befall durch Motten und für die Abwehr anderer Insekten auszurüsten, können chemischen Motten- und Käferschutzmittel verwendet werden. Derzeit wird vor allem Permethrin eingesetzt. Sulcofuron ist seit September 2006 in Europa nicht mehr zulässig. Ein Bedarf an einer weiteren Verbesserung der Parasitenschutzausrüstung besteht unter anderem dadurch, dass die gängigen Mittel durch hohe Preise und die Erfordernis hoher Applikationstemperaturen gekennzeichnet sind.
Vor diesem Hintergrund hat der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie einen weiteren Forschungsprojektvorschlag eingereicht, der sich mit der Entwicklung innovativer Konzepte für den Parasitenschutz von Heimtextilien befasst. Ziel des Vorhabens ist es, Verfahren zur Ausrüstung von Wolle und anderen Textilien zu entwickeln, die auch bei niedrigen Temperaturen eingesetzt werden können und eine dauerhafte Ausrüstung und Schutzwirkung ermöglichen. Insbesondere soll hier auch neben einer verbesserten Anbindung synthetischer Schutzmittel der Einsatz natürlicher Terpene wie unter anderem Lavendelöl, Limonen, Nelkenöl, Teebaumöl und Zedernöl ermöglicht werden, die bislang nicht dauerhaft auf Textilien appliziert werden konnten.
Beispiel Teppichboden
Die Verhinderung des Anschmutzens von textilen Bodenbelägen stellt ein wesentliches Kriterium für ihren Einsatz im Privat- und Objektbereich dar. Da die bekannten Ausrüstungsverfahren häufig keinen vollständigen Schutz gegen öl- und wasserlöslichen Schmutz aufweisen, sind neue, spezielle Verfahren nötig, um die Anschmutzung von textilen Bodenbelägen nachhaltig zu reduzieren.
Das vom Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie hierzu eingereichte Forschungsvorhaben hat zum Ziel, ein innovatives Verfahren zu entwickeln, das der Verschmutzung von Teppichboden vorbeugend entgegenwirkt, und zwar auf der Basis der Nanotechnologie.
Dies sind nur einige Beispiele, um zu verdeutlichen, mit welchem Engagement sich der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie auch im Bereich von Forschungsvorhaben für die deutsche Textilindustrie einbringt. Verständlicherweise konzentrieren wir uns hier nur auf heimtextile Projekte, wobei das textile Anwendungsfeld innovativer und intelligenter Produkte, wie eingangs erwähnt, bei weitem größer ist.
Außer Acht sollte in diesem Zusammenhang auch nicht gelassen werden, dass es darüber hinaus eine Reihe höchst innovativer Entwicklungen bei Heimtextilien gibt, die bereits auf dem Markt sind oder kurz vor der Marktreife stehen, und die durch die Unternehmen selbst initiiert und finanziert wurden. Hier sind stellvertretend Entwicklungen im Teppichbodenbereich zu nennen, bei denen Sensoren und LEDs Mess- und Regelfunktionen übernehmen. Damit können künftig Funktionen erfüllt werden wie Raumklima steuern, Wege weisen, Sperrzonen markieren, Unbefugte melden, Zugangskontrollen übernehmen, oder Aufprall anzeigen. Diese Funktionen werden dem Produkt Teppichboden neue Einsatzbereiche eröffnen, die weit über das bisherige Spektrum hinausgehen. Ein anderes Beispiel sind schadstoffabsorbierende Teppichböden oder Heimtextilien, schmutzabweisende Markisen, wärmedämmende Decken oder selbstabdunkelnde Jalousien.
Durch diese vielfältigen funktionalen Eigenschaften in Kombination mit ihren ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten werden Heimtextilien in Zukunft einen noch wichtigeren Part in der Innenarchitektur einnehmen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Möglichkeiten zur Textilforschung gegeben sind. Denn im Innovationswettbewerb nimmt Deutschland auf internationalem Terrain bislang nur einen mittleren Platz ein, was keinesfalls – wie unsere Beispiele belegen – am Ideenmangel oder an einem mangelnden Innovationspotenzial unserer heimischen Industrie liegt, sondern vielmehr in einem Umsetzungsproblem begründet ist. Hinzu kommt, dass sich die Branche hierzulande in einer besonders empfindlichen wirtschaftlichen Situation befindet, denn die Textilindustrie wurde aus einer etablierten Position im Weltmarkt durch neue Wettbewerber aus Schwellenländern mittels eines scharfen Preiswettbewerbs zurückgedrängt. Technologisch können diese Wettbewerber mittlerweile gut mithalten. Beheimatet in einem Hochlohnland, muss die deutsche Industrie ihre Chancen im Technologiewettbewerb suchen, um den aktuellen Tendenzen entgegenzuwirken.
Eine weitere Besonderheit ist die Branchenstruktur: Die deutsche Textilindustrie besteht traditionell überwiegend aus kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die Unternehmensgrößen sind oft zu gering, um international kostenseitig mithalten zu können oder sich eine eigene Forschungsabteilung leisten zu können. Das Prinzip "economy of scale", also des Kostenvorteils großer Produktionsvolumina muss mit Innovationen durchbrochen werden, um effizient, hochflexibel und ressourcenschonend produzieren zu können.
Genau deshalb ist Forschung für die deutsche Heimtextilienindustrie so wichtig. Denn die von den Textilforschungsinstituten gelieferten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse dienen den Industrieunternehmen in der Branche als Grundlage für eigene Entwicklungen und individuelle Innovationen, mit denen sich die Unternehmen im Markt ihre Position sichern und durch Know-how-Vorsprung auch Wettbewerbsvorteile erzielen können. Das wiederum trägt schlussendlich in einem sehr wesentlichen Maß zur Sicherung des Produktionsstandortes Deutschland bzw. Europa bei.
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Erschienen in BTH heimtex, Ausgabe 6/2007
Der Bereich Forschung und Entwicklung ist in jedem Industrieunternehmen gewissermaßen die „Hauptschlagader“. Denn nur durch die – in der Regel sehr zeit- und kostenaufwendige – Entwicklungsarbeit können Hersteller innovative Produkte hervorbringen, zur Marktreife führen und sich damit den (über-)lebensnotwendigen Wettbewerbsvorsprung gegenüber Anbietern von Standardprodukten sichern. Der Grundstein auch zur Standortsicherung.
Das ist bei und in Branchen, deren Produkte stark im Fokus der Verbraucher stehen, hinlänglich bekannt. Bestes Beispiel dafür ist die Automobilindustrie, deren Markenimage und Marktpräsenz zu einem erheblichen Teil aus den extrem kurzen Innovationszyklen ihrer Produkte resultieren. Die Hersteller werben massiv mit ihren Innovationen, was zur Folge hat, dass der Verbraucher zumindest oberflächliche Kenntnis über die neuesten Sicherheits- und Umweltstandards der Modelle, über Motorleistungen und alternative Antriebssysteme oder Zusatzleistungen wie Navigationssysteme hat.
Die Textilindustrie hingegen betreibt ihre Forschungsarbeit von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt eher im Stillen. Und das, obwohl sich allein in Deutschland 17 wissenschaftliche Institute mit textiler Forschung beschäftigen, die mit kompetenten Wissenschaftlern besetzt sind und wichtige Impulse für die deutsche Textilindustrie und deren Standortsicherung liefern. Textilien sind heute längst hoch entwickelte Hightech-Produkte, deren Einsatzbereiche nahezu unbegrenzt sind und von den klassischen, bekannten Bereichen wie Bekleidung und Heimtextilien über den Einsatz in der Medizin und Medizintechnik, im Landschaftsschutz oder in Verkehrsmitteln vom Auto über die Bahn bis hin zu Flugzeugen und Schiffen reichen.
Forschung und Entwicklung sind für Unternehmen extrem kostenintensiv. Für eine zumeist mittelständisch geprägte Industrie wie die deutsche Textilindustrie ist es daher für einzelne Unternehmen in der Regel nicht darstellbar, diesen Bereich vollständig auf eigene Kosten zu übernehmen. Und genau hier setzt die Arbeit von Verbänden an. So haben sich der Gesamtverband der Textil- und Modeindustrie in der Bundesrepublik Deutschland - Gesamttextil - sowie dessen Fach- und Landesverbände zur Vertretung aller mit Forschung und Entwicklung verbundenen Interessen als ordentliche Mitglieder im Forschungskuratorium Textil e.V. (FKT) zusammengeschlossen. Gemeinsam mit weiteren Partnerorganisationen erfolgt im Forschungskuratorium die Förderung und die Koordinierung von Gemeinschaftsforschungsprojekten der Textilindustrie sowie vor- und nachgeschalteter Industriebereiche.
Das Forschungskuratorium Textil e.V. ist eine von über 100 industriellen Forschungsvereinigungen, die als Mitglieder in der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) zusammengeschlossen sind. Die industriegetragenen Forschungsvereinigungen der AiF können öffentliche Fördermittel zur Durchführung von Gemeinschaftsprojekten an Forschungseinrichtungen beantragen. Auch der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie ist Mitglied beim FKT. Die einzelnen Projekte werden von Textilforschungsinstituten bzw. aus den Industrieunternehmen über die Mitgliedschaft in den Fachverbänden vorgeschlagen. Die Vorschläge durchlaufen dann die wissenschaftlichen Beiräte der einzelnen Institute sowie weitere Expertengremien, die die Förderung bewilligen müssen.
Um an dieser Stelle einen konkreten Einblick zu vermitteln, was auf Verbandsebene eingebracht und zur Förderung vorgeschlagen wird, sollen beispielhaft einige aktuelle Projekte aus der Heimtextilien-Industrie genannt werden, die aus Initiativen des Heimtextilienverbandes und dessen Mitglieder hervorgegangen sind.
Beispiel Möbelstoffe
Ein grundlegendes Problem, mit dem sich Hersteller von Möbelstoffen künftig verstärkt auseinandersetzen müssen, ist die wirksame Ausrüstung zum Schutz heller Möbelbezugsstoffe insbesondere vor Verfärbung durch Faserabrieb von Bekleidungstextilien. Dies vor dem Hintergrund eines durch das Oberlandesgericht Köln ergangenen Urteils, in dem ein Möbelhändler zur Rücknahme einer hellen Polstergarnitur gezwungen wurde, die trotz Fleckschutzausrüstung durch Bekleidungstextilien angeschmutzt wurde. Begründet wurde das Urteil damit, dass der Möbelhändler den Kunden darauf hätte hinweisen müssen, dass die existierenden Fleckschutzausrüstungen gegen gefärbten Faserabrieb von Bekleidungstextilien nicht wirksam sind.
In dem auf Initiative des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie beantragten Forschungsvorhaben sollen textile Möbelbezugsstoffe mit einer Beschichtung auf Nanosolbasis und deutlich verbesserter Entfernbarkeit von mechanisch bedingten Verfärbungen durch Bekleidungstextilien ausgerüstet werden. Die Entwicklung einer solchen Ausrüstung oder Beschichtung wäre eine wesentliche Neuerung sowohl für den Heimtextil- als auch für den Automobilbereich, in dem ebenfalls Möbelbezugsstoffe zum Einsatz kommen. Durch entsprechende innovative Produkte oder Verfahren wäre die deutsche Heimtextilienindustrie in der Lage, neue Produkte anzubieten, die dem Verwender einen hohen Nutzwert bei gleich bleibend hochwertiger Optik bieten. Das wiederum sichert Arbeitsplätze am Standort Deutschland und sorgt für nachhaltige Entwicklungsarbeit.
Beispiel Bettwaren
Hier hat der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie einen Vorschlag zur „Erforschung der physiologischen Grundlagen des Schlafkomforts von Kinderbettwaren und der Konstruktionsparameter zu dessen Optimierung“ eingereicht. Bei diesem Vorhaben geht es darum, dass Schlafkomfort heute das zentrale Verkaufsargument für Bettwaren ist. Im Bereich Kinderbettwaren fehlen allerdings verlässliche wissenschaftliche Grundlagen zum kindlichen Empfinden über Schlafkomfort, ohne die jedoch eine rationelle Produktentwicklung nicht möglich ist. Die Besonderheit in diesem Fall ist die Tatsache, dass Erkenntnisse aus dem Bereich Bettwaren für Erwachsene nicht auf die Anwendung bei Kindern oder Kleinkindern übertragen werden können, da die physiologischen Gegebenheiten grundlegend unterschiedlich sind.
Ziel des Forschungsprojektes ist es daher, die fehlenden Grundlagen zu erarbeiten und auf deren Basis konkrete Konstruktionsleitlinien abzuleiten, wie Kinderbettwaren physiologisch optimiert werden können. Dabei sollen die Konstruktionsleitlinien so formuliert sein, dass sie vom Hersteller direkt in innovative Produkte umgesetzt werden können und ihm damit eine eigene Positionierung am Markt ermöglichen. Mit Hilfe dieses vorgeschlagenen Forschungsprojekts können die überwiegend kleinen und mittleren Unternehmen der deutschen Bettwarenindustrie ihre Kinderbettwaren zum einen sehr viel schneller und kosteneffizienter entwickeln. Zum anderen erhalten sie über die wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse Informationen zur Produktionsoptimierung, die sie in die Lage versetzen, sich gegenüber billigerer und qualitativ schlechterer Importware im Markt deutlich abzusetzen.
Beispiel Heimtextilien
Um Textilien gegen den Befall durch Motten und für die Abwehr anderer Insekten auszurüsten, können chemischen Motten- und Käferschutzmittel verwendet werden. Derzeit wird vor allem Permethrin eingesetzt. Sulcofuron ist seit September 2006 in Europa nicht mehr zulässig. Ein Bedarf an einer weiteren Verbesserung der Parasitenschutzausrüstung besteht unter anderem dadurch, dass die gängigen Mittel durch hohe Preise und die Erfordernis hoher Applikationstemperaturen gekennzeichnet sind.
Vor diesem Hintergrund hat der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie einen weiteren Forschungsprojektvorschlag eingereicht, der sich mit der Entwicklung innovativer Konzepte für den Parasitenschutz von Heimtextilien befasst. Ziel des Vorhabens ist es, Verfahren zur Ausrüstung von Wolle und anderen Textilien zu entwickeln, die auch bei niedrigen Temperaturen eingesetzt werden können und eine dauerhafte Ausrüstung und Schutzwirkung ermöglichen. Insbesondere soll hier auch neben einer verbesserten Anbindung synthetischer Schutzmittel der Einsatz natürlicher Terpene wie unter anderem Lavendelöl, Limonen, Nelkenöl, Teebaumöl und Zedernöl ermöglicht werden, die bislang nicht dauerhaft auf Textilien appliziert werden konnten.
Beispiel Teppichboden
Die Verhinderung des Anschmutzens von textilen Bodenbelägen stellt ein wesentliches Kriterium für ihren Einsatz im Privat- und Objektbereich dar. Da die bekannten Ausrüstungsverfahren häufig keinen vollständigen Schutz gegen öl- und wasserlöslichen Schmutz aufweisen, sind neue, spezielle Verfahren nötig, um die Anschmutzung von textilen Bodenbelägen nachhaltig zu reduzieren.
Das vom Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie hierzu eingereichte Forschungsvorhaben hat zum Ziel, ein innovatives Verfahren zu entwickeln, das der Verschmutzung von Teppichboden vorbeugend entgegenwirkt, und zwar auf der Basis der Nanotechnologie.
Dies sind nur einige Beispiele, um zu verdeutlichen, mit welchem Engagement sich der Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie auch im Bereich von Forschungsvorhaben für die deutsche Textilindustrie einbringt. Verständlicherweise konzentrieren wir uns hier nur auf heimtextile Projekte, wobei das textile Anwendungsfeld innovativer und intelligenter Produkte, wie eingangs erwähnt, bei weitem größer ist.
Außer Acht sollte in diesem Zusammenhang auch nicht gelassen werden, dass es darüber hinaus eine Reihe höchst innovativer Entwicklungen bei Heimtextilien gibt, die bereits auf dem Markt sind oder kurz vor der Marktreife stehen, und die durch die Unternehmen selbst initiiert und finanziert wurden. Hier sind stellvertretend Entwicklungen im Teppichbodenbereich zu nennen, bei denen Sensoren und LEDs Mess- und Regelfunktionen übernehmen. Damit können künftig Funktionen erfüllt werden wie Raumklima steuern, Wege weisen, Sperrzonen markieren, Unbefugte melden, Zugangskontrollen übernehmen, oder Aufprall anzeigen. Diese Funktionen werden dem Produkt Teppichboden neue Einsatzbereiche eröffnen, die weit über das bisherige Spektrum hinausgehen. Ein anderes Beispiel sind schadstoffabsorbierende Teppichböden oder Heimtextilien, schmutzabweisende Markisen, wärmedämmende Decken oder selbstabdunkelnde Jalousien.
Durch diese vielfältigen funktionalen Eigenschaften in Kombination mit ihren ästhetischen Gestaltungsmöglichkeiten werden Heimtextilien in Zukunft einen noch wichtigeren Part in der Innenarchitektur einnehmen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die Möglichkeiten zur Textilforschung gegeben sind. Denn im Innovationswettbewerb nimmt Deutschland auf internationalem Terrain bislang nur einen mittleren Platz ein, was keinesfalls – wie unsere Beispiele belegen – am Ideenmangel oder an einem mangelnden Innovationspotenzial unserer heimischen Industrie liegt, sondern vielmehr in einem Umsetzungsproblem begründet ist. Hinzu kommt, dass sich die Branche hierzulande in einer besonders empfindlichen wirtschaftlichen Situation befindet, denn die Textilindustrie wurde aus einer etablierten Position im Weltmarkt durch neue Wettbewerber aus Schwellenländern mittels eines scharfen Preiswettbewerbs zurückgedrängt. Technologisch können diese Wettbewerber mittlerweile gut mithalten. Beheimatet in einem Hochlohnland, muss die deutsche Industrie ihre Chancen im Technologiewettbewerb suchen, um den aktuellen Tendenzen entgegenzuwirken.
Eine weitere Besonderheit ist die Branchenstruktur: Die deutsche Textilindustrie besteht traditionell überwiegend aus kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die Unternehmensgrößen sind oft zu gering, um international kostenseitig mithalten zu können oder sich eine eigene Forschungsabteilung leisten zu können. Das Prinzip "economy of scale", also des Kostenvorteils großer Produktionsvolumina muss mit Innovationen durchbrochen werden, um effizient, hochflexibel und ressourcenschonend produzieren zu können.
Genau deshalb ist Forschung für die deutsche Heimtextilienindustrie so wichtig. Denn die von den Textilforschungsinstituten gelieferten Erkenntnisse und Forschungsergebnisse dienen den Industrieunternehmen in der Branche als Grundlage für eigene Entwicklungen und individuelle Innovationen, mit denen sich die Unternehmen im Markt ihre Position sichern und durch Know-how-Vorsprung auch Wettbewerbsvorteile erzielen können. Das wiederum trägt schlussendlich in einem sehr wesentlichen Maß zur Sicherung des Produktionsstandortes Deutschland bzw. Europa bei.

