Ein Plädoyer für den direkten Dialog zwischen Hersteller und Handel

Von Bernd Kout, Geschäftsführer der Gebr. Munzert GmbH & Co. und Sprecher der Fachgruppe Möbelstoff-Industrie im Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie e.V., Wuppertal
Erschienen in BTH heimtex, Ausgabe 06/2005
In Zeiten von Globalisierung, Harmonisierung und nahezu uneingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten sollte angenommen werden können, dass sich viele Angelegenheiten im unternehmerischen Alltag rascher und unkomplizierter erledigen lassen als noch vor wenigen Jahren. Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, liebe BTH Heimtex-Leser, meine Erfahrung jedoch lehrt mich eher das Gegenteil. Seit geraumer Zeit beobachte ich, dass viele industrielle Belange nur im persönlichen Kontakt mit den betreffenden Marktpartnern zu diskutieren sind und mögliche Probleme oder Schwierigkeiten auf diesem Wege bedeutend einfacher und schneller aus dem Wege geräumt werden können.
Damit möchte ich keineswegs die modernen Kommunikationstechnologien wie Internet, E-Mails, Handy oder SMS grundsätzlich in Frage stellen; gleichwohl sollten wir gelegentlich abwägen, in welchen Situationen das persönliche Gespräch einer endlosen E-Mail-Korrespondenz vorzuziehen ist und gleichzeitig hinterfragen, was in der jeweiligen Situation wirklich zeit- und kostensparend ist. Lassen Sie mich das an einem aktuellen Beispiel darlegen.
Innerhalb Europas herrscht derzeit eine vergleichsweise große Irritation hinsichtlich der qualitativen Beurteilung von Möbelstoffen. Dies vor dem Hintergrund der Mitte 2004 veröffentlichten europäischen Norm EN 14465, „Möbelstoffe – Spezifikationen und Prüfverfahren“. Deren Anwendung im praktischen Alltag hat nämlich schnell gezeigt, dass diese Norm zur Beurteilung der Einsatzbereiche für Möbelstoffe nur unzureichend anwendbar ist, insbesondere hinsichtlich der Bewertung der Scheuerfestigkeit von Möbelstoffen. Und dafür wurden ältere und im Markt als praktikabel anerkannte Normen zurückgezogen.
Da diese Situation weder für Hersteller noch für Anwender dauerhaft tragbar ist, hat sich eine Gruppe von Herstellern innerhalb des Verbandes der Deutschen Heimtextilien-Industrie zu einer Expertengruppe zusammen geschlossen, die sich nunmehr damit befasst, marktgerechte und in der Praxis anwendbare Änderungen der neuen Norm zu erarbeiten. Dazu bietet uns der Verband als Branchen-Institution und als Interessensvertretung der Industrie den idealen Background. Zum einen werden wir bei der Bewältigung solcher Aufgaben inhaltlich durch die jeweiligen Fachreferenten des Verbandes unterstützt, indem wir auf deren profundes Know-how zurückgreifen können.
Darüber hinaus profitieren wir aber auch in ganz erheblichem Maße von der Tatsache, dass der Verband in den entsprechenden Normungsgremien des DIN (Deutsches Institut für Normung e. V.) vertreten ist. Dort geht es vornehmlich darum, die Belange der Mitglieder des deutschen Heimtextilien-Verbandes wirkungsvoll zu vertreten, damit die technische und wirtschaftliche Umsetzbarkeit gewährleistet bleibt. Auf europäischer Ebene ist der Verband analog in den entsprechenden Gremien des CEN (Comité Européen de Normalisation) zur Wahrung der Interessen der Mitglieder vertreten.
An dieser Stelle sei mir ein weiteres Beispiel für direkte Kommunikation und Kooperation gestattet, um darzulegen, worum es mir in meinen Ausführungen geht.
Nach einem aktuellen Urteil des Oberlandesgerichtes Köln vom 12.11.2004 (AZ: 6 U 109/04) wurde ein Fachhandelsbetrieb dazu verurteilt, eine Polstergarnitur zurückzunehmen, die durch Abfärbungen von Bekleidungstextilien verschmutzt war. Entgegen dem Verursacherprinzip wurde der betroffene Händler deshalb qua Gerichtsurteil zur Rücknahme verpflichtet, weil der Kunde eine Fleckschutzausrüstung verlangt hatte, der Verkäufer indes nicht explizit darauf hingewiesen hatte, dass Verschmutzungen dieser Art (nämlich durch die Nicht-Farbechtheit der Bekleidung) nicht durch eine Fleckschutzausrüstung verhindert werden können.
Ein Bespiel, wie ich finde, dass sehr deutlich zeigt, wie wichtig der Dialog in der kompletten Wertschöpfungskette, also auch zwischen Hersteller und Händler/Verarbeiter ist, um letztendlich für den Verbraucher am Point of Sales die optimale Beratung garantieren zu können. Für uns als Hersteller Anlass und Motivation genug, ein Round-Table-Gespräch zu initiieren, zu dem wir Vertreter aus der Produktionskette Möbelstoffe (Färber, Weber, Veredler) sowie die Sachverständigen des BSR (Bundesverband der Sachverständigen für Raum und Ausstattung) eingeladen haben. Im Zentrum dieser Gesprächsrunde stand die Frage, welche Reklamationsgründe innerhalb des Produktsegmentes Möbelstoffe hauptsächlich dazu führen, dass Sachverständige in Streitfragen Gutachten anfertigen müssen. Zur Vorbereitung dieser Gesprächsrunde hatten wir den BSR gebeten, eine Umfrage unter den 156 Sachverständigen durchzuführen, um die in der Praxis häufigsten Reklamationsgründe für Möbelstoffe aus berufenem Munde zu erhalten.
Die Resonanz auf das in dieser Art erste Treffen war ausnahmslos positiv, da beide Seiten einen enormen Nutzen daraus ziehen konnten. Die Sachverständigen, da sie wertvolle Einblicke in Produktionsabläufe und –prozesse erhielten, die sich bei der Anfertigung von Gutachten als überaus hilfreich erweisen können. Für uns als Hersteller hat das Treffen die Chance gebracht, von den Erfahrungen der Sachverständigen zu profitieren. Die zum Teil anschaulichen und lebhaften Schilderungen wichtiger Erkenntnisse und Erfahrungen werden künftig in die Entwicklungsarbeit von Möbelstoffen einfließen. Eine klassische Win-Win-Situation also, die in dieser Form – das möchte ich hier nochmals deutlich hervorheben – nur durch das direkte, das persönliche Gespräch möglich wurde.
Ich hebe diesen Aspekt so deutlich hervor, weil wir gelegentlich dazu neigen, die mangelnde Zeit als Argument anzuführen, weshalb solche Treffen n i c h t stattfinden können oder weshalb eigenes Engagement innerhalb eines Verbandes nicht realisierbar sei. Das ist meiner Meinung nach eine Einstellung, die wir uns als Hersteller mit dem Produktionsstandort Deutschland nicht (mehr) leisten können. Denn das Zusammenwachsen von Märkten, die Öffnung der EU und die viel zitierte Globalisierung haben auch dazu geführt, dass uns der (Konkurrenz-) Wind nunmehr aus vielen Richtungen recht scharf entgegen weht. Gegen minderwertige Billigimporte können wir uns allerdings langfristig nur effizient behaupten, indem wir aktiv werden und im Verbund mit unseren Kunden daran arbeiten, Marktbedingungen selbst mit zu gestalten und sie möglichst zu verbessern.
Konzepte, die diesbezüglich im Alleingang und hinter verschlossenen Türen entstehen, sind nicht von dauerhaftem Erfolg beschieden. Nur der lebendige und kontinuierliche Dialog verleiht uns die notwendige Flexibilität, um angemessen auf Marktphänomene reagieren zu können. Auch und gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten ist Eigeninitiative gefragt. Verbandsarbeit, wie sie durch den Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie geleistet wird, ist die ideale Plattform für konstruktiven Erfahrungsaustausch und gezielte Aktivitäten – alles mit der Zielsetzung, dauerhaft effizient zu arbeiten und erfolgreich im Markt tätig zu sein.

